Frage an das Mitglied des Deutschen Bundestages "Jimmy Schulz"

haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort auf unsere Befragung zum Betreuungsgeld, die wir so auch von anderen Abgeordneten Ihrer Fraktion erhalten haben.

Ich begrüße es, daß Sie zu dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Betreuungsgeld stehen, bedaure jedoch, daß Sie dies lediglich aus Gründen der Koalitionsdisziplin tun, das Betreuungsgeld im Übrigen aber „für kein geeignetes familienpolitisches Instrument“ halten.

Die Argumente, mit denen Sie die Harmlosigkeit bzw. sogar Überlegenheit von Krippenbetreuung gegenüber der Erziehung durch die eigenen Eltern zu belegen versuchen, enthält entscheidende Irrtümer.

Sie führen die NICHD-Studie an, um die negativen Auswirkungen von Krippenbetreuung zu relativieren. Ihre Behauptung, die Studie belege, daß nur bei untereinjährigen Kindern und nur bei über 10 Stunden Fremdbetreuung Probleme auftreten können, ist schlichtweg falsch. Die NICHD-Studie hat vielmehr in der ersten Phase 0-3jährige Kinder untersucht, die mehr als 10 Stunden in der Woche (nicht am Tag, wie von Ihnen behauptet) in der Kinderkrippe verbracht haben.

Diese Kinder zeigten im Vergleich zu Kindern, die in den ersten 3 Lebensjahren daheim betreut wurden, mit 12 Jahren signifikant häufiger Aggressionen und schwieriges Verhalten. Die Verhaltensauffälligkeiten waren zudem weitgehend unabhängig von der Qualität der Betreuung. Diese Studienergebnisse wurden auch von der Streßforschung bestätigt. Drei Viertel aller Krippenkinder sind demnach mit der Gruppensituation überfordert und stehen unter abnormem Streß, meßbar anhand der anormal dauererhöhten Ausschüttung des Streßhormons Cortisol, die vergleichbar ist mit der eines Managers unter Höchstbelastung. Überdies waren die besseren sprachlichen Fähigkeiten der ehemals in der Krippe betreuten Kinder, die sie noch in den ersten Schuljahren zeigten, bei den 12jährigen nicht mehr nachweisbar. Bitte lesen Sie dazu unbedingt den FAZ-Aufsatz des Neuropädiaters Dr. Rainer Böhm „Die dunkle Seite der Kindheit“ vom 04. April 12 (siehe Link in der Anlage).

Zum Beleg einer möglichen positiven Auswirkung von Krippenerziehung auf Kinder sozial benachteiligter Familien zitieren Sie das Perry Preschool Project. Dies habe gezeigt, daß solche Kinder langfristig von Krippenerziehung profitierten, u.a. durch bessere Schulnoten und höheres Einkommen. Das Perry Preschool Project hat aber gerade nicht den Einfluß frühkindlicher „Bildung“ von Krippenkindern (also außerfamiliärer Gruppenbetreuung 0-3-Jähriger) auf den Bildungserfolg untersucht, sondern den Einfluß vorschulischer Erziehung, konkret von Kindern ab dem 3. und 4. Lebensjahr. Beim Betreuungsgeld geht es aber um ein- und zweijährige Kinder, die familiennah betreut werden. Das genaue Alter der Kinder ist jedoch eben der Unterschied, auf den es ankommt: Unterdreijährige Kinder (Krippe) haben wesentlich andere Bedürfnisse als Überdreijährige (Kindergarten). In keiner Weise bestreite ich den pädagogischen Wert von Kindergarten und Vorschule. Damit ein Kind aber von den Fördermöglichkeiten des Kindergartens und den folgenden Bildungseinrichtungen überhaupt profitieren kann, braucht es eine stabile und intensive Bindung an Vater und Mutter, die im Alter von 0 bis 2 Jahren durch intensiven und ungestörten elterlichen Kontakt ausgebildet werden muß.

Angesichts dieser Fakten bitte ich Sie, Ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Betreuungsgeld noch einmal zu überdenken. Über eine Stellungnahme dazu würde ich mich sehr freuen.

In einer aktuellen Umfrage zum Betreuungsgeld hat sich die Mehrheit der Unter-30jährigen für die Einführung des Betreuungsgeldes ausgesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihnen die Meinung dieser jungen Menschen egal ist.

Mit freundlichen Grüßen
Hedwig Freifrau von Beverfoerde
(Sprecherin von „JA zum Betreuungsgeld!“)

Weitere Informationen finden Sie u.a. hier:

NCHD-Study: http://www.nichd.nih.gov/publications/pubs/upload/seccyd_051206.pdf
Perry Preschool Project: https://www.ncjrs.gov/pdffiles1/ojjdp/181725.pdf
Artikel von Dr. Rainer Böhm „Die dunkle Seite der Kindheit“ in FAZ, 04.04.2012: http://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/FAZ-2012-04-04-Die-dunkle-Seite-der-Kindheit_Essay-Boehm.PDF


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