8.02.2012

Bökenkamp rezensiert die "Macht der Disziplin"

Freiheit und Selbstdisziplin

Bökenkamp rezensiert die "Macht der Disziplin"

Willensstarke Menschen haben es einfacher Entscheidungen zu treffen als willensschwache Menschen. Das ist eine Binsenweisheit. Aus Binsenweisheiten lassen sich aber tiefere Erkenntnisse gewinnen, das zeigt einmal mehr das Buch „Die Macht der Disziplin". Wie wir unseren Willen trainieren können, geschrieben von dem Psychologieprofessor Roy Baumeister und dem Wissenschaftsjournalisten John Tierny.

Wenn eine starke Willenskraft positiv auf unsere Entscheidungsfähigkeit wirkt, dann – so schlussfolgern sie – erschöpfen Entscheidungen umgekehrt auch unsere Willenskraft.
 
Willenskraft und Entscheidungsfähig bedingen einander
Jede Entscheidung kostet Energie, und mit jeder Entscheidung sinkt unsere Entscheidungsfreudigkeit. Dafür nennen sie zahlreiche Beispiele: Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer, die ihre Karriere durch Sexskandale ruinieren, weil sie nach den vielen Entscheidungen des Tages die Kontrolle verlieren; Richter, deren Bereitschaft Begnadigungen auszusprechen, statistisch vor allem von der Tageszeit bestimmt wird, Anlageentscheidungen, die davon abhängen, ob die Probanden vorher shoppen waren oder nicht  und bereits durch die Summe der Einkaufsentscheidungen ihre Entscheidungsreserven aufgezehrt hatten. 

 

Um nicht entscheidungsschwach zu werden, ist die Einhaltung selbstgesteckter Regeln, Routinen und vorab festgelegter Pläner und Ziele von zentraler Bedeutung. Kurz: Die Selbstdisziplin

Selbstdisziplin ist eine Grundlage für Eigenverantwortung und Freiheit

Selbstdisziplin ist so etwas wie der Schlüssel für das Funktionieren einer freien Gesellschaft. Dies zeigt folgender Umstand: Einerseits wünschen sich viele Menschen Entscheidungen abzugeben, um sich psychologisch zu entlasten. Auf der anderen Seite treffen Menschen Entscheidungen für andere wesentlich bereitwilliger und unbedachter als für sich selbst. Beide Tendenzen zusammen genommen unterstützen den Trend zur Abtretung der individuellen Verantwortung an den Staat. Bürger, die gerne Entscheidungen abgeben wollen, und Politiker, die gerne Entscheidungen für andere treffen, ergänzen einander. Dies ebnet den Weg zum allzuständigen Wohlfahrts- und Bevormundungsstaat. Selbstdisziplin stärkt hingegen die Fähigkeit des Einzelnen, Entscheidungen zu treffen und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.
 
Kleine Regeln haben große Wirkungen
 
Baumeister und Tierney beschreiben diesen Zusammenhang sehr anschaulich und zeigen, wie man Willenskraft und Selbstdisziplin trainieren kann. Willenskraft sei wie ein Muskel, der durch Übung immer stärker wird, aber auch bei Nichtgebrauch verkümmern kann. Es sind die vielen kleinen Regeln und Rituale und die selbst auferlegten Grenzen und Ziele, die die Selbstdisziplin ausmachen. So hatte etwa der Entdecker und Afrikareisende Henry Morton Stanley ( 1841-1904) Selbstdisziplin zu einer hohen Kunst erhoben. So hat dieser niemals auf die morgendliche Rasur verzichtet, selbst dann nicht,  wenn er und sein Trupp kurz vor dem Verhungern standen. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte wirkt, war nach Baumeister in Wahrheit das Geheimnis, warum Stanleys Expeditionen nicht wie so viele andere in Chaos und Selbstaufgabe endeten, sondern ihre Ziele erreichten. Darum empfehlen die Autoren Willenskraft und Selbstdisziplin von Kindheit an durch Regeln, Rituale und Beschränkungen zu trainieren. Kaum etwas trage so sehr zur Lebenszufriedenheit und Erfolg bei wie die Erziehung zur Selbstdisziplin.

Literatur: Roy Baumeister;  John Tierney: Die Macht der Disziplin. Wie wir unseren Willen trainieren können, Campus Verlag 2012.

 

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