30.01.2012
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass unsere Politiker, sieht man mal von ehemaligen DDR-Größen ab, jemals so unverfrorenen Etikettenschwindel betrieben haben, wie in ihrer Eurorhetorik. Das bisher eindrucksvollste Beispiel dafür ist die „Stabilitätsunion“, mit der die Umwandlung von einer Währungsunion erst zu einer Transferunion, dann zu einer Schuldenunion und schließlich zu einer Inflationsunion kaschiert werden soll. Es geht aber noch dreister.
Um die Deutschen auf die nächsten Wortbrüche (sprich: weitere Bürgschaften und neue Risiken) vorzubereiten, werden jetzt „Brandmauern“ versprochen. Als ich das las, hatte ich sofort das brennende Haus meiner Eltern an der Rothenbaumchaussee 141 in Hamburg-Harvestehude vor Augen. Am 26. Juli 1943 schlug eine Brandbombe ins Dach. Der kleine Hans-Olaf stand auf der Straße und sah sein Elternhaus abbrennen. Die Brandmauer zwischen den Häusern verhinderte das Überschlagen der Flammen auf das Haus des Nachbarn. Eine Brandmauer hatten wir auch im Maastricht-Vertrag. Es bleibt das Verdienst des damaligen Finanzministers Theo Waigel (CSU) und seines Staatssekretärs Horst Köhler, diese gegen energischen Widerstand der Franzosen aufgebaut zu haben. Sie hatte auch einen Namen: „No-bail-out“-Klausel. Und sie hatte eine Bedeutung: Einem in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Land durfte nicht geholfen werden. Damit sollten Politiker davon abgehalten werden, Schulden zu Lasten der Bürger in anderen Ländern aufzunehmen. Diese Brandmauer zwischen den Steuerzahlern in Deutschland und ausgabefreudigen Politikern in anderen Ländern wurde im Mai 2010 von Kanzlerin Merkel auf Druck der Franzosen Sarkozy, Lagarde, Trichet und Strauss-Kahn eingerissen. Jetzt forderte EU-Währungsfeuerwehrmann Olli Rehn: „Wir brauchen höhere Brandmauern in Europa.“ Dadurch verschleiert er nicht nur die Tatsache, dass die Brandmauer von Maastricht abgerissen wurde, er erweckt den Eindruck, dass eine neue aufgebaut worden wäre, nur nicht hoch genug. Mit diesem Etikettenschwindel machte er aus einem Rettungsschirm (ESM) eine Brandmauer. Daraufhin erklärte der französische Feuerwehrmann, Finanzminister François Baroin: „Je höher die Brandmauer, desto geringer ist die Gefahr, dass der Rettungsschirm in Anspruch genommen werden muss.“ Damit suggeriert er, dass mit der Erhöhung der (vor allem von den Deutschen) abgegebenen Bürgschaften das Risiko der Deutschen sinkt. Das erinnert zwar stark an die Geschichte des Barons von Münchhausen, der sich mal an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen haben will, ist aber aus französischer Perspektive plausibel. Auch der sozialistische Kandidat für das französische Präsidentenamt, Francois Hollande, hat jetzt verkündet, sich im Falle seiner Wahl für Eurobonds einzusetzen. Wenn alle für die Schulden aller haften, wie beim Euro-Bond der Fall, lässt es sich leichter Schulden machen. Warum der Rettungsfonds ESM keine wirksame Brandmauer ist Auch die französische Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, forderte in Davos von den Deutschen Zustimmung zur Aufstockung des Rettungsschirms und nannte ihn auch gleich „Brandmauer“. Da vor allem französische Banken viele Risiken im griechischen Feuer haben, bedeutet das im Klartext, dass bei einer Aufstockung der Hilfen für Griechenland deutsche Steuerzahler noch einmal französische Banken retten dürfen. Wie immer, verbreitet die Bundesregierung erst einmal den Eindruck, dagegen halten zu wollen, um dann doch nachzugeben. Euro-Feuerwehrmann Schäuble sagt: „Keine Brandmauer wird funktionieren, wenn die zugrundeliegenden Probleme nicht gelöst werden“. Klingt irgendwie gut. Mit seiner „Logik“ müsste man aber dann auch sagen können: „Keine Brandmauer wird funktionieren, wenn es brennt“. Ob er wohl gemerkt hat, damit klargestellt zu haben, dass der ESM gar keine Brandmauer ist? Was aber wollte uns Schäuble wirklich aus Davos zurufen? Weil der ESM keine Brandmauer ist, müsse er erst einmal kräftig verstärkt werden, um dann Eurobonds oder Ähnlichem Platz zu machen? In der Tat, wenn er den Einheitseuro „retten“ will, bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Selbst wenn man Griechenland zu 100 Prozent von seinen Schulden befreite, würde die Wirtschaft nicht einen Deut wettbewerbsfähiger. Die Textilfabriken von Athen, die Reeder von Piräus und der Hotelier in Rhodos wären immer noch zu teuer. In der Geschichte von über hundert Umschuldungen (einschließlich der in Argentinien und Russland) hat es noch nicht einen Fall ohne gleichzeitige Abwertung gegeben. Die ist in einer Einheitswährung aber nicht möglich. Von Eurorettungsgipfel zu Eurorettungsgipfel wird deutlicher, dass in einer Währungsunion auch ein kleines Land einen verheerenden Flächenbrand auslösen kann, wenn es keine feuerresistenten Brandmauern gibt. Sogar in den USA, mit dem Dollar als Einheitswährung, gilt die „No-bail-out“-Klausel seit dem Bürgerkrieg vor 150 Jahren. Auch heute kommt keiner in den anderen 49 Bundesstaaten auf die Idee, das hochverschuldete Kalifornien zu alimentieren. Statt die Brandmauer von Maastricht wieder aufzurichten, sorgen unsere Eurofeuerwehrleute für Funkenflug. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Anteil von Brandstiftern unter Feuerwehrleuten besonders hoch sein soll. Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com
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Kommentare
3.02. 2:19
Claudia
Hallo, wo leben wir denn in Deutschland oder in Europa? Haben wir die DM oder den Euro? Können sie mit ruhigem Gewissen leben, wenn es dem griechischem Volk schlecht ergeht? Europa hat sicherlich erkannt, dass man nicht unentlich Schulden machen kann...
1.02. 19:25
Andreas
Jawoll so sieht es aus was da geschieht ist der Wahnsinn,denn man löscht weiterhin Feuer mit Benzin bis die Sache explodiert!
31.01. 10:25
Borcherdt
Brandmauer hin Brandmauer her – solange man es den Politikern aller Couleur in allen EU Staaten überlässt hierüber zu entscheiden, und was noch viel schwieriger ist, durchzusetzen, solange wird es keine dauerhafte Lösung der Finanzkrisen geben!
Was haben denn die Politiker seit jeher getan, außer Ihre jeweilige Klientel mit Subventionen zu bedienen und im Vorfeld von Wahlen dem Volk Versprechungen zu machen, die dann doch nicht eingehalten werden. Warum gibt es denn inzwischen mehr als 2500 Lobbyisten in Berlin, die die von uns gewählten Abgeordneten bearbeiten, um die Interessen ihrer jeweiligen Lobby (Banken, Industrie, Agrarwirtschaft usw.) durchzusetzen.
Und die Abgeordneten einschließlich der nachgeschalteten Administration sehen doch auch nur zu, dass sie ihre persönlichen Interessen und Einkommen erhalten und möglichst noch verbessern können. Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine Vorschrift, dass die Abgeordneten Ihre Einkünfte, die sie von allen möglichen Seiten erhalten, offen legen müssen? Die Offenlegung für das jeweilige Kollektiv vertuscht doch nur die Tatsachen!
Diese Menschen, die nur kurz- bis mittelfristig denken und handeln, haben in den Haushaltsplänen ihrer Länder immer nur nach der Devise „nach uns die Sintflut“ agiert. Es wurden immer neue Schulden gemacht und die abgelaufenen Staatsanleihen durch neue ersetzt. Dabei sind sie natürlich eng an die Konditionen des Kapitalmarktes gebunden. Schuldentilgung gab es nicht. Hierher rührt die verhängnisvolle Abhängigkeit der Politik von den Banken.
Schuld an der ganzen Misere sind hauptsächlich die Politiker. Die Banken haben da nur zu gerne mitgemacht. Und wir, die Wähler, sollen nun mit immer höheren Abgaben nun dafür aufkommen. Die Verantwortlichen kommen wieder einmal ungeschoren davon. Wie immer !
Demokratie? Die nächste Wahl? – Nein danke!
30.01. 18:12
Dr. Andreas Donath
Ein Hans-Olaf Henkel in Bestform - ein Artikel mit Niveau, der die Dinge auf den Punkt bringt, ganz vorzüglich! Wenn Sie, lieber Herr Henkel, nun noch von Ihrer einst geäüßerten Ansicht abrücken, dass die Türkei in die EU gehöre - dort gehört sie nämlich gewiss nicht hin! -, weiß ich, wo ich demnächst guten Gewissens mein Kreuz machen kann. Ich bin es nämlich leid, ständig "kleinere Übel" wählen zu müssen, die sich am Ende doch als heftige Übel entpuppen. Das wäre doch etwas, wenn die Freien Wähler bald der Kanzlerin, ihrem Finanz-Adlatus sowie deren Claqueuren heftig einheizen würden!
30.01. 16:22
Carmen Fischer
Sehr treffend und klar formuliert. Schöne Metaphern und lustiger Schluss, was will man mehr. Danke für so einen Beitrag
Seiten: 1