2.11.2011

Interview mit Beatrix von Storch

Offener Brief: Wo soll gespart werden?

Interview mit Beatrix von Storch

Beatrix von Storch, die Vorsitzende der Bürgerbewegung Zivile Koalition e.V., hat einen offenen Brief an 18 Politiker der Parteien CDU, CSU, FDP, SPD und Grüne gerichtet, die den erweiterten „Eurorettungsschirm“ EFSF und dessen „Hebelung“ im Bundestag mit großer Mehrheit unterstützt haben. FreieWelt.net sprach mit Frau von Storch über die Hintergründe dieser Aktion.

FreieWelt.net: Frau von Storch, was wollen Sie mit Ihrem offenen Brief erreichen?

Beatrix von Storch: Ich möchte schlicht in Erfahrung bringen, wie die eingegangenen Bürgschaften bei Fälligkeit bezahlt werden sollen, welche Finanzierungs-Konzepte dazu in der Politik existieren. Deutschland bürgt  mit dem Geld seiner Bürger, mit meinem Geld. Die Parteien, die diese Bürgschaften unterstützen, müssen offenlegen, wie sie ggfls. gedenken, die Bürgschaften auch zu bezahlen. Wo wird dann im Haushalt gestrichen? Oder steigen die Steuern? Sollen wir Staatsvermögen versilbern? Die Politik muß auf diesen Fall vorbereitet sein und ich möchte wissen, was geplant ist. 

Ich habe deshalb im Namen der bürgerlichen Basisbewegung Zivile Koalition, deren Vorsitzende ich bin, hierzu um Auskunft gebeten und auch angekündigt, die eingehenden Antworten  der Basis zu kommunizieren  und sie auf unseren Internetseiten zu veröffentlichen.  

FreieWelt.net: Wie hoch ist denn Ihrer Meinung nach das Risiko, daß Deutschland die Bürgschaften tatsächlich wird zahlen müssen? Die Politik sagt doch fast einhellig, es handele sich nur um Bürgschaften, auf die tatsächliche Zahlungen nie folgen werden.

Beatrix von Storch: Das Fälligwerden der Bürgschaften ist so gut wie garantiert. Sehen Sie, würde der Kapitalmarkt wirklich glauben, die Schuldenländer würden eines Tages ihre Kredite zurückbezahlen können, dann würde er keine Bürgschaften verlangen. Aber auch wenn die Kreditgeber noch gar nicht gefunden sind. In einem ist sich die Politik sicher: Ohne zusätzliche Sicherheiten gibt niemand mehr den Krisenländern Geld in die Hand. Alle wissen: Die Krisenländer sind nicht einmal in der Lage, die laufenden Zinsen zu bedienen. An Tilgung ist gar nicht zu denken. Das gilt übrigens auch für Deutschland. 

Die Frage lautet: Was ist, wenn die Kreditgeber Recht haben mit ihrer Einschätzung der Zahlungsfähigkeit der Schuldenstaaten? Was ist, wenn die Kredite ausfallen und die Bürgschaften fällig werden? Noch vor 3 Wochen war es absolutes Tabu, den Schuldenschnitt für Griechenland zu fordern. Vollkommen tabu. Nun ist er da. Und so wird es auch mit den nächsten Staaten sein, die jetzt schon straucheln. Neue Kredite, kein Schuldenschnitt und irgendwann dann eben doch. Und dann werden unsere Bürgschaften fällig. 

Und ich will wissen: Wie sollen wir das dann bezahlen? 

FreieWelt.net: Offiziell geht es doch darum, die angeschlagenen Euro-Mitgliedsstaaten und damit den Euro selbst als Gemeinschaftswährung zu retten und damit auch dafür zu sorgen, dass die Kredite gerade nicht ausfallen.

Beatrix von Storch: Diese Strategie kann nicht aufgehen. Wir sehen am Länderfinanzausgleich in Deutschland bereits, daß z.B. Bremen und Berlin trotz zig-Milliarden-Zuflüssen aus Bayern und Baden-Württemberg dauerhaft am Tropf hängen. Und auch sie erhalten die Mittel aus dem Länderfinanzausgleich nur unter strengen Auflagen. Warum glauben wir, daß wir mit solchen Auflagen es seit 20 Jahren nicht schaffen, Bremen wieder wettbewerbsfähig zu machen, aber Griechenland schon? Und wer glaubt ernsthaft, daß die Bayern zwar gegen Zahlungen an Bremen und Berlin vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, aber die Deutschen klaglos Zahlungen nach Portugal leisten werden? Solidarität kann die Politik nicht verordnen.

Außerdem ist bislang auch wirklich jede Prognose zu 100 % falsch gewesen, die die Politik in Sachen Euro und Euro-Krise gemacht hat. Überspitzt gesagt: es spricht schon die Wahrscheinlichkeit dafür, daß etwas nicht eintrifft, wenn es denn von der Regierung prognostiziert wurde. Es werde keine Griechenlandhilfe geben, hieß es erst. Dann kam sie doch. Es werde keine zweite Griechenlandhilfe geben, hieß es danach. Aber sie kam. Es werden keine weiteren Euro-Staaten unter den Rettungsschirm flüchten, hieß es. Fehlanzeige. Es werde kein dauerhafter Rettungsschirm eingerichtet, hieß es - er soll kommen (ESM). Griechenland werde ohne Schuldenschnitt auskommen. Falsch. Alles, was die Politik bislang prognostiziert, versprochen oder auch vertraglich vereinbart hat: alles ist falsch gewesen oder gebrochen worden.  

Wenn jetzt erklärt wird, die Bürgschaften werden nicht in Anspruch genommen, dann erinnert das fatal an den niemals, niemals erforderlichen Schuldenschnitt für Griechenland, der inzwischen da ist. Und das gleiche gilt für die Schuldenmaximierung. Schulden werden mit noch mehr Schulden bekämpft. So kommen wir nicht aus der Krise. 

FreieWelt.net: Wer sind denn die 18 Politiker, an die Sie den offenen Brief gerichtet haben und was genau haben Sie von diesen in Ihrem Schreiben erfragt? 

Beatrix von Storch: Es handelt sich um führende Entscheidungsträger und Finanzpolitiker aus den fünf im Bundestag vertretenen Parteien, die die EFSF und deren „Hebelung“ mit großen Mehrheiten unterstützt haben. Das sind im Einzelnen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), die parlamentarischen Staatssekretäre des Finanzministeriums Hartmut Koschyk (CSU) und Steffen Kampeter (CDU), die Fraktionschefs Volker Kauder (CDU), Gerda Hasselfeldt (CSU), Rainer Brüderle (FDP), Frank-Walther Steinmeier (SPD) sowie Jürgen Trittin und Renate Künast (beide Grüne), die Generalsekretäre Herrmann Gröhe (CDU), Alexander Dobrindt (CSU), Christian Lindner (FDP), Andrea Nahles (SPD) und Steffi Lemke (Grüne) sowie die Obmänner im Haushaltsausschuss Norbert Barthle (CDU), Jürgen Koppelin (FDP), Carsten Schneider (SPD) und Priska Hinz (Grüne).

Diese Politiker können auf einem kurzen Fragebogen angeben, ob sie die Bürgschaften bei Fälligkeit eher durch Neuverschuldung, durch Steuererhöhungen, durch Einsparungen bei den Ausgaben oder durch einen Mix aus alledem finanzieren wollen. Sie können alternativ dazu auch die Aussage treffen, dass sie über kein Finanzierungskonzept verfügen. Das wäre dann allerdings der politische Offenbarungseid.

Über Abgeordneten-Check.de kann sich jeder Bürger meinem offenen Brief anschließen und in seinem eigenen Namen eine gleichlautende Anfrage an jeden der finanzpolitischen Entscheidungsträger  stellen.  Je mehr Bürger hier nachhaken, desto größer wird der Druck auf die Politik, endlich Farbe zu bekennen.

Jetzt nachhaken bei: Wolfgang Schäuble (CDU)

Jetzt nachhaken bei: Hartmut Koschyk (CSU) 

Jetzt nachhaken bei: Steffen Kampeter (CDU)

 

Jetzt nachhaken bei: Volker Kauder (CDU)

Jetzt nachhaken bei: Gerda Hasselfeldt (CSU)

Jetzt nachhaken bei: Rainer Brüderle (FDP)

Jetzt nachhaken bei: Frank-Walter Steinmeier (SPD) 

Jetzt nachhaken bei: Jürgen Trittin (Grüne)

Jetzt nachhaken bei: Renate Künast (Grüne) 

 

Jetzt nachhaken bei: Herrmann Gröhe (CDU)

Jetzt nachhaken bei: Alexander Dobrindt (CSU) 

Jetzt nachhaken bei: Christian Lindner (FDP)

Jetzt nachhaken bei: Andrea Nahles (SPD) 

 

Jetzt nachhaken bei: Norbert Barthle (CDU)

Jetzt nachhaken bei: Jürgen Koppelin (FDP)

Jetzt nachhaken bei: Carsten Schneider (SPD)

Jetzt nachhaken bei: Priska Hinz (Grüne)

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Kommentare

  • 12.06. 11:57

    Gerrit Kleines

    Völlig richtig, Frau von Storch ! Weiter so !

  • 3.11. 18:16

    Manfred Czerrana

    3.11.18.05
    Manfred
    Sehr geehrte Frau von Storch,
    meine Partnerin und ich unterstützen voll Ihre Initiative und bemühen uns auch Freunde mit einzubeziehen.Wir wünschen viel Erfolg und erwarten mit Interesse die Reaktion der betreffenden Politiker.- Die Grüne Steffi Lemke fehlt in der Nachhakliste. Ein Versehen?
    Mit freundlichen Grüssen
    MC

  • 3.11. 2:25

    Anna

    http://www.youtube.com/watch?v=XBYGQY3VVBs&feature=related

    Wollen die Politker uns das antun? Dieser Vertrag sichert unser Verderben und deren Immunität!

    Frau Merkel sollte sich auch dazu äußeren...

  • 2.11. 20:09

    Michael

    Sehr geehrte Frau von Storch,

    mit Ihrem offenen Brief haben Sie einen wunden Punkt getroffen.

    Wenn ich mir überlege, wie schwer und mit welchen Einschnitten es verbunden ist in unserem Bundeshaushalt 1 oder 2 Milliarden Euro einzusparen oder aber für eine gute Sache freisetzen, darf man sich schon die Frage stellen, wo man im worst-case-Fall mal eben nur 5 Milliarden Euro (ein Bruchteil der Haftungssumme) hernehmen will.

    Die Politik wird Ihnen eine Antwort schuldig bleiben.

    Das ganze erinnert zwischenzeitlich an einen Tanz auf dem heissen Vulkan.

    Mit freundlichen Grüßen

    M.S.

  • 2.11. 10:17

    Dr. Schmidt

    Die Abgeordneten wissen bestimmt, daß die Mehrheit der deutschen Steuerzahler gegen die Übernahme von Bürgschaften für andere Euroländer sind. Wenn sie dennoch - gegen den demokratischen Volkswillen - dafür sind, müßten sie eigentlich persönlich haften, was sie natürlich nicht tun.
    Wenn man eine Bürgschaft übernimmt muß man seriöserweise damit rechnen, daß sie auch evtl. einzulösen ist. Dann muß man sich aber klar sein, wie man das im Eintrittsfalle bezahlen will und kann. Wir Steuerzahler haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie das geschehen soll. Diese Recht müßte notfalls beim BVG einklagbar sein.
    Im übrigen bin ich der Meinung, daß sich auch unsere so hoch geschätzte Kanzlerin dazu äußern müßte, die in der obigen Liste fehlt.

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