26.10.2011

Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel warnt:

Wenn "Wirtschaftswissenschaftler" mit einem Hebel hantieren

Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel warnt:

Politiker schimpfen auf Investmentbanker, die mit Hebelgeschäften den Finanzmarkt ins Wanken bringen. Jetzt wollen sie selbst zu diesem Mittel greifen - ohne die Risiken beim Namen zu nennen.

Statt Carla Bruni bei der Geburt ihres Kindes beizustehen, flog Präsident Sarkozy letzte Woche zu Angela Merkel, damit sie ihm bei der Geburt eines neuen Handwerkszeugs beistehe: der Banklizenz für den neuen Rettungsfonds. Frankreichs Bonität wackelt. Damit könnte er die Notenpresse anwerfen lassen und sich weitere unpopuläre Reformen im Präsidentenwahlkampf ersparen. Allzu gern würden die deutschen Euromantiker unseren Nachbarn wieder einmal zur Hilfe eilen, aber eine Banklizenz oder eine neuerliche Abstimmung im Bundestag über weitere Bürgschaften zu Lasten deutscher Steuerzahler und ihrer Kinder scheut selbst diese Bundesregierung. Das Risiko, dass diesmal die Kanzlermehrheit verfehlt werden könnte, ist ihr zu groß.

Um die Zustimmungspflicht des Bundestages auszuhebeln, kamen unsere phantasievollen Euroretter auf die Idee, die gerade eben beschlossenen Garantien mittels einer griechischen Erfindung um ein Fünffaches auszuweiten. Von Archimedes stammt das Zitat: „Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“ Die Eurokrise zeigt schon lange, dass sogar das kleine Griechenland die ganze Eurozone aushebeln kann.

Zwar haben sich bisher nur Bauarbeiter und Finanzjongleure eines Hebels bedient, jetzt wollen die Politiker ihn auch haben. Man stelle sich vor: Die gleichen Politiker, die den Bankern mit Hinweis auf diese „Finanzhebel“ bei jeder Gelegenheit Zockermentalität unterstellen, greifen jetzt selbst in den Instrumentenkasten der Zocker. Dumm nur, dass Minister Schäuble in der Diskussion um den neuen „Rettungsschirm“ auch das „Hebeln“ ohne Befassung des Bundestages ausgeschlossen hatte.

Deshalb soll jetzt nicht mehr „gehebelt“ sondern „versichert“ werden. Das klingt irgendwie seriöser, so nach Teilkasko und Lebensversicherung. Dadurch würden die vorhandenen Garantien „effektiver eingesetzt”. Auch private Investoren würden sich am Risiko beteiligen können. Reihenweise zeigten sich Chefvolkswirte von Banken und sogar der Chef des industrienahen IW begeistert von so viel politischer Phantasie. Dadurch könne man die vom Bundestag genehmigte Bürgschaft auf das Fünffache, bis zu einer Billion Euro „hebeln“, ohne die genehmigte Summe von 211 Milliarden Euro erhöhen zu müssen.

Dass dadurch die Wahrscheinlichkeit, die vom Bundestag genehmigten 211 Milliarden ganz zu verlieren, auch entsprechend „gehebelt“ wird, haben diese von Banken und Industrie bezahlten „Wirtschaftswissenschaftler“ verschwiegen. Gut, dass es noch Ökonomen wie Vaubel von der Uni Mannheim und Issing von der Goethe-Uni Frankfurt gibt. Sie haben darauf aufmerksam gemacht. Auf diese sollten unsere Abgeordneten hören.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf www.handelsblatt.com

 

(Bildquelle: wikipedia)

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Kommentare

  • 26.10. 17:02

    Klaus Hasselberger

    Manche unsere Abgeordneten "hören" wohl leider nur Dinge, die sie hören müssen. Dafür sorgen die vielen externen Berater aus gewinnorientierten Unternehmen.

    Die Politiker hören seit Jahren nicht mehr auf jene, die sie eigentlich vertreten wollten - die Bürger und Wähler.

    Mit der Politik ist es wohl ein wenig wie mit Drogen. Sie versprechen viel - halten aber nichts.

    Das hat nun dummerweise das Vertrauen vieler Bürger gekostet. Wieviele Generationen nötig sein werden, dieses Vertrauen wieder herzustellen, ist noch nicht absehbar.

    Der noch nicht einmal geborene Steuerzahler soll und wird es zunächst mal ausbaden dürfen, falls es denn noch Paare gibt, die ihre Kinder einer eher kinderfeindlichen Scheindemokratie aussetzen wollten.

    Radikale Marktwirtschaft folgt leider nur kurzfristigen provitablen Zielen - keinen humanen oder demagogisch langfristig nötigen.

    Ich hätte nie vermutet, dass die Politik der Finanz- und Marktwirtschaft derart hörig werden könnte. Hier fehlts eigentlich nur an geeigneten Kontrollmechanismen gegenüber dieser 3 Akteure im Sinne des Allgemein-wohls.

    Laut Verfassung ist bereits die Würde des Menschen unantastbar! Und nichts gegen positive Betriebsbilanzen. Aber sie rechtfertigen nicht die Skaverei (siehe Zeitarbeit, 1-Euro-Jobs etc). Eine stabile gute Wirtschaft muss daher auch sein. Aber nicht nur für eine elitäre unersättliche Klasse. Die Würde des Menschen scheint also doch antastbar, wenns Provit verspricht.

    Deshalb mein Vorschlag: Konzertchefs an die Macht. Dadurch spart sich das Volk die wohl mittlerweile überflüssigen und kostspieligen Volksvertreter und sinnlose Wahlen obendrein.

    Die Nutznieser einer kapitalistischen Provitgesellschaft zur Besinnung zu bringen gelingt offensichtlich ja nicht einmal dem Gesetz, geschweige denn der Politik.
    Der Zusammenbruch der Demokratie schafft das aber vielleicht ...

    K.H.

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