13.09.2011
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat eine „Notiz“ veröffentlicht: „Abschätzung des quantitativen Vorteils des Euros für Deutschland gegenüber einer fiktiven D-Mark“. Die KfW kommt zu dem Resumee, daß - unter den getroffenen Annahmen wohlgemerkt - Deutschland durch die Mitgliedschaft in der Eurozone in den letzten beiden Jahren einen Wachstumsvorteil zwischen 2 und 2,5 Prozentpunkten (zusammen über beide Jahre, also etwa 1 bis 1,25 % pro Jahr) und damit im Bereich von 50 bis 60 Mrd. EUR realisiert hat. Und als Fazit zitiert n-tv den Verfasser der Studie, KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch, mit den Worten: „Die Euro-Rettung lohnt sich, nicht nur für Deutschland, sondern für jedes einzelne Mitgliedsland der Euro-Zone“. Dabei bleiben wichtige Fragen offen und die Annahmen mehr als fragwürdig.
Die Studie trägt das Datum vom 1. Juli 2011 und man fragt sich, warum sie erst jetzt, mit zweimonatiger Verspätung und auf dem Höhepunkt der parlamentarischen Diskussion über den deutschen Beitrag von über 200 Mrd. Euro zur Stützung finanzschwacher Euro-Länder, veröffentlicht wird. Da zudem die KfW eine Staatsbank und kein unabhängiges wissenschaftliches Forschungsinstitut ist, liegt die Vermutung nahe, hier soll politische Argumentationshilfe geboten werden. Der Verfasser selbst bezeichnet die öffentlich als "Studie" angekündigte Arbeit lediglich als "Notiz" und muß einräumen, daß "trotz aller sorgfältigen Recherche (dieser Notiz) es die große Unsicherheit der zugrunde gelegten Annahmen ist, welche das Ergebnis der Berechnung lediglich zu einem groben Anhaltspunkt werden lässt".
Wesentlich schwerwiegender als die aus den zugrunde gelegten Annahmen resultierenden Schwächen sind aber die sachlichen Probleme dieser Arbeit:
Als erster Faktor wird der aus einer wahrscheinlich 15% stärkeren fiktiven D-Mark gegenüber dem faktischen Euro resultierende Wachstumsverlust des Brutto-Inlandsproduktes erwähnt. Dabei nimmt die „Studie“ Bezug auf nicht näher spezifizierte "Forschungsergebnisse der Deutschen Bundesbank sowie Expertenbefragungen". Leider hat die Bundesbank nicht selbst solche Schlüsse aus ihren Forschungsergebnissen veröffentlicht. Wie es zu diesem behaupteten Wachstumsverlust des BIP kommt, wird nicht beschrieben. Man darf aber wohl annehmen, daß eine Einbuße des deutschen Exports gemeint ist. Das ist dann aber nur die halbe Wahrheit und läuft in dieser isolierten Form auf die Aussage hinaus, daß eine schlechte Währung gut für das Land sei. Aber: Was für den Export zutrifft, gilt mit umgekehrten Vorzeichen auch für den Import. Eine starke Währung führt eben nicht nur zu einer Verteuerung unserer Exportgüter. Deutschland ist in hohem Maße auf Importe von Rohstoffen, Energie, Halbfertigerzeugnissen und Konsumgütern angewiesen. Diese würden dann um 15 % billiger werden, was einen positiven Einfluss auf den Preisindex für die Lebenshaltung hätte, und zwar unmittelbar über die importierten und mittelbar über die im Inland hergestellten Konsumgüter. Dieser Aspekt wird in allen Diskussionen über Deutschland als Euro-abhängige Exportnation selten bis nie betrachtet.
Ein niedrigerer Preisindex für die Lebenshaltung könnte die Gewerkschaften zu mehr Lohnzurückhaltung veranlassen, wenn sie nicht befürchten müssen, daß der Lebensstandard ihrer Mitglieder durch Preissteigerungen gefährdet wird. Das niedrigere Preisniveau könnte ferner die Bundesbank, die der Preisstabilität verpflichtet ist, veranlassen, die Zinsen niedrig zu halten. Daraus ergeben sich dann weitere Kostenvorteile für die Industrie. Hier geht nun allerdings der Verfasser der Notiz ohne jede Begründung davon aus, daß mit einem „stärkeren Aufwertungstrend der D-Mark auch steigende Notenbankzinsen einhergehen“, die dann einen negativen Einfluss auf das Investitionsvolumen haben. Dies ist ein weiterer sachlicher Schwachpunkt der Analyse.
Sinkende Preise der Importgüter, Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften und niedrigere Zinsen würden allesamt einen dämpfenden Einfluss auf die Produktionskosten der Exportgüterindustrie haben. Dieses Potential stünde den Unternehmen zur Verfügung, um die bei Aufwertung eintretende Preissteigerung ihrer Produkte in Fremdwährung ganz oder teilweise gewinnneutral zu kompensieren.
Dazu kommt aber noch ein weiterer wesentlicher Gesichtspunkt, der in der Notiz ebenfalls keine Beachtung findet: Deutschland exportiert in erster Linie Industriegüter, also solche Erzeugnisse, die in die Produktionsprozesse der Unternehmen in den Importländern eingehen (Maschinen, Vorrichtungen, Werkzeuge, etc.) sowie langlebige Konsumgüter wie Autos, Waschmaschinen etc.. Solche Erzeugnisse sind in der Regel nicht so preisempfindlich wie Massenkonsumgüter. Die ausländischen Unternehmen wollen für ihre komplexen und kostspieligen Produktionsprozesse und deren Komponenten nur beste Qualität, um eine zuverlässige und reibungslose Produktion mit geringen Stillstandszeiten und Ausschussquoten zu gewährleisten. Qualität geht hier vor Preis und gerade für diese Qualität sind die deutschen Erzeugnisse weltbekannt. Schließlich hat Deutschland auch zu Zeiten der D-Mark, während ihrer Aufwertungsphasen, keine nennenswerten Einbrüche im Export solcher Produkte erlitten. Die erschwerten Marktbedingungen waren vielmehr Stimulus, die deutschen Produkte weiter zu verfeinern und zu verbessern und über den Qualitätswettbewerb den Preiswettbewerb zurückzudrängen.
Alles in allem ist es also höchst ungewiss, ob eine Aufwertung der fiktiven D-Mark um die hier unterstellten 15 % überhaupt zu einem nennenswerten Absatzeinbruch deutscher Exportgüter führen würde. Demgegenüber ist die durch das niedrigere Zinsniveau ausgelöste Belebung der Investitionstätigkeit als positiver Faktor zu berücksichtigen. Vor allem aber ist zu berücksichtigen, daß eine aufwertende D-Mark auf die oben beschriebene Weise preisdämpfenden Einfluss auf die Konsumgüter hat, was unmittelbare Vorteile für die Bürger und also die Wähler mit sich brächte, deren Interessen die Politiker ja wohl vor allem zu berücksichtigen haben.
Es bleibt eine erhebliches Vertrauensproblem zurück, daß bei einer so entscheidenden Frage, ob zugunsten anderer Euro-Länder mit einem Betrag von ca. zwei Drittel des Bundeshaushalts ins Risiko gegangen werden soll, keine qualifiziertere Analyse von einer staatlichen Stelle zur Verfügung gestellt wird. Aber anders gesehen: Das paßt irgendwie auch wieder in das Bild...
Beatrix von Storch
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Kommentare
14.09. 11:33
Nachdenker
Die Zusammenhänge sind doch eigentlich klar: Lohndumping "lohnt" sich nur (wenigstens, wenn man nur die kurzfristige, eigene Gewinnmaximierung verfolgt) dann, wenn man in einer gemeinsamen Währungsunion ist. Unabhängige Staaten haben Mechanismen, wie z.B. Abwertung der Währung, sich vor exportierenden Niedriglohnländern wie z.b. Deutschland oder China zu schützen. Somit hat Deutschland eindeutig von der Eurozone profitiert.
13.09. 14:30
Timo K.
Eine Studie mit einem Zeithorizont über die letzten beiden Jahre ist einfach nur lächerlich. Interessant wäre es - zum Vergleich - zu sehen, welche Wachstumsverluste Deutschland dadurch erlitten hat, dass bis 2008 Kapital in die EUR-Peripherie abgeflossen und versickert ist ... und wenn wir schon dabei sind, welche Wachstumsverluste wir durch überbordene Europa-Bürokratie und verfehlte Subventionspolitik erleiden müssen.
Darüber hinaus, wenn eine schwache Währung wirklich so erstrebenswert ist, finden sich garantiert Mittel und Wege für eine Bundesbank, dies für die neue D-Mark zu gewährleisten. Nur war dies zu alten D-Mark-Zeiten nie Ziel gewesen, im Gegenteil, es wurde immer erklärt dass unsere starke Währung uns auf Dauer nur noch stärker macht, weil sie zu Innovation und Produktivität zwingt.
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