13.06.2011

Interview mit Cornelia Lassay

Verhindert PID Spätabtreibungen?

Interview mit Cornelia Lassay

Cornelia Lassay ist Absolventin der IGNIS-Akademie für christliche Psychologie. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Beraterin für die Schwangerschaftskonfliktberatung Die BIRKE e.V. in Heidelberg und ist seit neun Jahren die Beratungsleiterin dort. Die BIRKE ist Beratungspartner des Projekts 1000plus (www.1000plus.de). FreieWelt.net sprach mit Frau Lassay über ihre Erfahrungen in der Schwangerschaftskonfliktberatung.

FreieWelt.net: Frau Lassay, Sie arbeiten seit zehn Jahren als Beraterin für Frauen im  Schwangerschaftskonflikt. Sie sagen, dass bei Ihnen die Mehrheit der ungewollt Schwangeren, die sich eigentlich für eine Abtreibung entschieden haben, ihr Kind doch bekommen. Wie schaffen Sie das? 

Cornelia Lassay: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass die Frauen sich zwar dezidiert entschieden geben, sich aber defacto keine Abtreibung wünschen. Stattdessen wünschen sie sich, die Umstände wären anders: die Partnerschaft, der optimale Zeitpunkt, die finanzielle Lage, die eigene Stabilität und Reife... Der Verstand sagt: „Das geht nicht!“, das Herz sagt: „Es ist MEIN Baby!“ Unser Ansatz ist lösungsorientierte Beratung und konkrete Hilfe, um eine Perspektive für die Schwangere und ihr Kind zu schaffen.

FreieWelt.net: Beraten Sie auch Frauen, die ein behindertes oder krankes Kind erwarten und deshalb über eine Abtreibung nachdenken? 

Cornelia Lassay: Ja, natürlich, wobei das nur eine kleine Zahl aller Schwangerschaftskonflikte und so auch der Beratungen ausmacht. Eine solche Situation ist meist von ganz vielen Ängsten und Unsicherheiten geprägt. Oft weiß die Frau noch gar nicht genau, ob das Kind nun wirklich krank oder behindert ist, hört aber ihren Arzt von Auffälligkeiten reden und bekommt es mit der Angst zu tun. Sie denkt bereits über eine Abtreibung nach, bevor überhaupt klar ist, was mit dem Baby ist. Die Perspektive, ein behindertes Kind zu bekommen, wird dann schnell zur Horrorvorstellung.

FreieWelt.net: Was tut denn eine Beraterin, wenn es um eine solche medizinische Indikation und um eine eventuelle Spätabtreibung geht? 

Cornelia Lassay: Die bisherige Freude über die Schwangerschaft hat sich für die Frau urplötzlich in einen Alptraum gewandelt und sie weiß nicht mehr, wo es lang geht. Die Schwangere hofft und bangt, wünscht sich zutiefst, dass sich alles in Luft auflösen möge, dass die Krankheit nicht so schlimm sei. Dass sie es schafft, das Kind doch zu lieben, auch wenn es entstellt sein sollte. Dass sie den Alltag mit einem behinderten Kind überhaupt bewältigen kann, ohne die anderen Familienmitglieder zu vernachlässigen. 

Als Beraterin stelle ich mich an die Seite der Schwangeren und hole Infos ein, die jetzt wichtig sind, z.B. bei einem anerkannten toxikologischen Institut, wenn es um eine mögliche Medikamentenschädigung geht. Wir stellen Kontakt zu anderen betroffenen Familien her. Informationen nehmen Ängste und mindern den Druck. Die Beraterin überlegt und plant gemeinsam mit der Schwangeren, wie und mit welchen Hilfen sie diese Herausforderung im Alltag meistern kann. 

FreieWelt.net: Sie arbeiten nach dem Motto „Weil es im Leben immer eine Lösung gibt“. Was tun Sie, wenn durch die Schwangerschaft die körperliche Gesundheit oder das Leben der Mutter bedroht ist?

Cornelia Lassay: In meinen zehn Jahren Beratung war ich an insgesamt ca. 2.000 Beratungsfällen beteiligt. Dabei ist noch nie vorgekommen, dass das Leben der Mutter tatsächlich bedroht war. Vielmehr war es jedes Mal so, dass die Einschätzung der Ärzte zu früh kam, vielleicht sogar „gut gemeint“ war, um die Frau von Schuldgefühlen zu befreien und ihr den Schritt zur Abtreibung zu erleichtern. Und dann stellte sich aber bei sorgfältigem Hinterfragen heraus, dass es doch einen kleinen Lichtstrahl der Hoffnung gab, dem nachzugehen es sich lohnte.

Ich hatte zum Beispiel einmal eine Frau in der Beratung, die unter den schweren körperlichen Folgeschäden eines früheren Autounfalles litt und deshalb entschlossen war, abzutreiben. Die Angst war groß, dass ihr Körper eine Schwangerschaft gar nicht aushalten würde. Leber und Milz waren angerissen und sie trug starke Vernarbungen und Verwachsungen der Organe in sich. Konkret wurde die Sorge formuliert, es könne eine Querschnittslähmung auftreten. Nicht zuletzt hatte sie verschiedene Medikamente genommen, bei denen ihr Arzt eine fruchtschädigende Wirkung befürchtete. 

Letztlich hat diese Frau ein gesundes Kind bekommen und die Schwangerschaft bei intensiver Begleitung und sorgfältiger Planung glücklich überstanden; ein wunderbares Geschenk, weil sie vorher dachte, nie Kinder bekommen zu können. Fast hätte man sie durch diese voreilige Rechtfertigung einer Abtreibung um dieses Wunder betrogen.

Meines Erachtens kommen wirklich lebensbedrohliche Situationen nur bei akuten Notfällen im Krankenhaus vor, wo innerhalb von kürzester Zeit durch den Arzt über Leben und Tod entschieden werden muss. Mit einer Erbkrankheit des Kindes hat das nichts zu tun.

FreieWelt.net: Glauben Sie, dass die Einführung von PID Spätabtreibungen verhindern könnte?

Cornelia Lassay: Vor einigen Jahren hat sich bei uns eine Schwangere gemeldet, die bereits ein Kind mit einer schweren Erbkrankheit hatte, nämlich Mukoviszidose. Nun war bei ihrem ungeborenen Kind dieselbe Krankheit festgestellt worden und sie hatte bereits am nächsten Werktag den Abtreibungstermin. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sie das noch einmal durchstehen sollte. Wir haben ihr sofort beim ersten Anruf unsere intensive Begleitung sowie die finanzielle Unterstützung für eine Haushaltshilfe und Tagesmutter während der ersten Lebensjahre des Kindes fest zugesagt. Sie hat ihr Kind bekommen und ist froh, dass sie sich nicht gegen ihr Baby entscheiden musste! 

Was ich mit diesem Beispiel sagen will, ist: Das einzige, wodurch Abtreibungen mit medizinischer Indikation wirklich verhindert werden können, sind lösungsorientierte Beratung und effektive Hilfe. Einer Frau, die ein behindertes oder krankes Kind erwartet, geht es im Letzten nicht darum, dass sie dieses Kind einfach nicht will oder nicht lieben könnte. Es geht am Ende um die Frage: „Wie soll ich das schaffen, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt?“ Diese zermürbende Sorge muss aber nicht die Oberhand behalten! Deshalb pocht der Gesetzgeber mittlerweile bei einer medizinischen Indikation generell auf eine psychosoziale Beratung.

Vielen herzlichen Dank!
 
www.1000plus.de

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Kommentare

  • 7.07. 20:59

    FF

    @Hypathia

    Gibt es einen Unterschied zwischen Humanismus und Christentum? Wohl kaum. Wenn aber doch, dann wäre der Humanismus von christlichen Werten verschieden, also satanistisch. Ist das besser?

  • 1.07. 22:42

    Hildegard und Günter Wollinger

    Danke für das tolle Interview und Ihre kompetente und menschliche Einstellung.

  • 26.06. 23:05

    Hypatia

    Ich vermute mal, Frau Lassay hat noch keine Frau beraten, die ein echter Fall für die PID wäre. Natürlich gibt es sehr viele verschiedene Krankheiten, die bei einem Embryo per PND festgestellt werden können. Und natürlich machen sich Eltern immer Sorgen, wenn Sie auch nur von einer Wahrscheinlichkeit hören, etwas mit ihrem Kind könnte nicht in Ordnung sein.

    Manche gesundheitlichen Probleme beim Fötus kann man heute schon dank des medizinischen Fortschritts vor der Geburt behandeln. Dann nehmen die Eltern das gern in Anspruch. Einige Diagnosen lassen sich jedoch nicht ändern. Unter denen gibt es gewiss sehr viele, die die Eltern nach einer umfangreichen Beratung nicht dazu veranlassen würden, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Dafür ist eine objektive Schwangerschaftskonfliktberatung, die nicht christlich vereinnahmend motiviert, sondern im Sinne des Menschen / humanistisch ist, wirklich geeignet. Andere Krankheiten wiegen jedoch so schwer, dass sich die Eltern nach einer umfangreichen Beratung gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden. Auch das muss respektiert werden.

    Wenn man schon vor einer Schwangerschaft weiss, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine schlimme Erbkrankheit an das Kind weiter geben wird und sich für eine PID entscheidet, hat man einen wirklich ernsthaften Grund. Oft haben diese Frauen eben diese Krankheit schon in der Familie erlebt (da sie ja eine Erbkrankheit ist). Die Frau in der Schwangerschaftskonfliktberatung wird ihr dann vermutlich auch nicht mehr zu dieser Krankheit sagen können, als sie ohnehin schon weiss. Und selbstverständlich: Wenn die Wunschmutter sich dazu entschieden hat, kein Kind mit dieser Krankheit zu gebären und wenn man ihr die PID versagt, dann wird sie sich nach PND auch für eine Spätabtreibung entscheiden. Das muss hier nicht geleugnet werden.

    Da diese schlimmen Erbkrankheiten zum Glück nicht soooo häufig vorkommen, ist es durchaus denkbar, dass Frau Lassay so einen Fall noch nicht hatte.

  • 22.06. 17:50

    FF

    Liebe Frau Lassay,
    vielen Dank für Ihre klaren, wirklich überzeugenden Aussagen und Ihr Engagement. Weiter so!!!!!!!!! Nur schöne Worte helfen den betroffenen Menschen nicht, sondern Aufklärung, Hilfestellung und Alternativangebote.
    Abtreibung und auch PID sind in keinster Weise zu bejahen. Jeder Mensch hat ab der Zeugung das Recht auf Leben - es ist ein Geschöpf Gottes, und niemand hat das Recht, dieses Leben zu töten, auch wenn eine Behinderung festgestellt werden sollte. Keiner kann und darf entscheidet, was lebenswert ist und was nicht. Erfurcht vor dem Leben steht über alles. Das ist schon im Grundgesetz verankert - nach Gottes Geboten allemal!!!
    Es ist nur zu hoffen, dass sich immer mehr mutige Christen finden, die sich gemeinsam für den Lebensschutz einsetzen!!!!!!!!!!!

  • 16.06. 15:20

    FF

    Vielen Dank Frau Lassay für ihre wertvolle Arbeit, die schon so viele Morde verhindert hat. Es gibt keine medizinische Indikation, ein Kind zu töten. Auch ein ungeborenes Kind ist ein Kind. Eine Abtreibung ist immer Mord.

    Es gibt keine Rechtfertigung für Mord. Auch behinderte Kinder wollen gerne leben und die Eltern haben kein Recht, diesem Kind das Leben zu nehmen, nur weil sie keine Lust dazu haben, den damit verbundenen Stress auszuhalten. Die Freiheit der Mutter kann nicht schwerer wiegen als die Freiheit des Kindes; denn wir sind nur solange frei, wie unsere Freiheit mit der eines jeden anderen bestehen kann (Kant/Gebot der Nächstenliebe).

    Wenn Gott einer Mutter ein behindertet Kind schenkt, tut er dies im übrigen wohl auch deshalb, damit die Eltern selbst daran wachsen können. Zufälle gibt es nicht.

    Bei der PID geht es aber nicht einmal nur darum behinderte Kinder auszuschließen, sondern auch solche, die gesund sind, bei denen ein erhöhtes Risiko besteht (genetische Prädisposition) irgendwann einmal an irgendeiner Krankheit zu erkranken. Bei jedem Mensch kann aber potentiell jede Krankheit auftreten. Demnächst werden wir dann Menschen aussortieren wegen abstehenden Ohren. Abstehende Ohren sind schließlich eine schwere psychische Belastung für die Kinder und machen das Leben weniger lebenswert.

    Ich wundere mich schon, dass solch ein Gesetz in Deutschland, mit unserer Vergangenheit, überhaupt diskutiert wird.

    Das töten eines jeden Kindes ist immer Mord. Es ist unerheblich, auf welchem Weg die Empfängnis zustande kam.

    Herzlich

    FF

  • 14.06. 14:22

    N. N.

    Interessantes Interview, gibt allerdings keine Antwort auf die Titelfrage, daher hier noch mal konkret:

    PID verhindert keine Spätabtreibungen. Wer zu einer Spätabtreibung bereit wäre, wäre dies auch nach PID, zumal in diesen Fällen eine PND zur "Erfolgskontrolle" schon fast obligat ist.

    Spätabtreibungen finden aktuell ja nur zu einem geringen Teil nach Künstlicher Befruchtung statt.

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