16.05.2011
FreieWelt.net: Sie haben sich bei der von der Zivilen Koalition e.V. und Durchblick e.V. initiierten Abgeordnetenbefagung zur PID-Debatte für ein klares Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen. Aus welchen Gründen unterstützen Sie den PID-Verbots-Antrag?
Andrea Nahles: Ich unterstütze den PID-Verbotsantrag zuallererst aus dem tiefen Glauben daran, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist. Ich sehe es letztlich wie Erzbischof Robert Zollitsch. Bei Zulassung der PID droht ein "Dammbruch". Ein Dammbruch, den ich nur schwer erträglich finde. Denn letztlich steht hier die Frage im Raum: Welches Leben ist lebenswert? Wer entscheidet das?
Außerdem stellt sich das Problem, dass immer mehr Embryonen erzeugt werden müssen, als eingepflanzt werden können. Was passiert mit den überzähligen Embryonen? Die Frage ist vollkommen unbeantwortet, höre ich. Vielleicht will das aber auch niemand so genau wissen.
Derzeit können medizinisch 120 Erbkrankheiten unterschiedlichen Schweregrades nachgewiesen werden. Ob eine solche Erbkrankheit tatsächlich im späteren Leben ausbricht, ist in vielen Fällen völlig offen. Wir wissen es schlicht nicht, wenn im Labor darüber entscheiden wird. Derzeit reden wir nur über die wenigen Fälle von schweren Erbkrankheiten. Wer sagt aber, dass es dabei bleibt? Ich bin pessimistisch. Heute sind wir im deutschen Parlament weitgehend einig, dass es nur wenige Ausnahmen geben soll. Es ist jedoch ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Ein gesundes Kind. Wenn etwas geht, dann wird es gemacht. Das lehrt uns die Geschichte der Menschheit. Sind wir uns also sicher, dass wir verantwortlich handeln und das auch in Zukunft, wenn wir jetzt Ausnahmen legitimieren? Bisher gibt es hier eine klare Grenze in Deutschland.
FreieWelt.net: Sollte es den betroffenen Eltern nicht selbst überlassen bleiben, bei dieser wichtigen Frage eine Entscheidung zu treffen?
Andrea Nahles: Wie gesagt, es ist ein zutiefst menschlicher Wunsch, ein Kind nach eigenen Vorstellungen zu haben. Dies geht aber im Falle von PID damit einher, dass wir ein Leben als lebenswerter ansehen als ein anderes. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der menschliche Defizite als etwas "anormales" angesehen werden.
FreieWelt.net: In vielen Ländern Europas ist die PID unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt und mittlerweile eine gängige Untersuchung bei der künstlichen Befruchtung. Steht bei einem PID-Verbot in Deutschland nicht zu befürchten, daß viele Paare sich im Ausland Hilfe holen?
Andrea Nahles: Wir sprechen hier über ein geringe Zahl von nur ca. 200 betroffenen Paaren in Deutschland. Natürlich kann man diese Art des Reproduktions-Tourismus nicht verhindern, aber dieses Argument trifft auch auf alle anderen Gesetze zu, die wir machen. Menschen lassen sich in Polen den Zahnersatz machen oder holen sich Spendersamen aus den USA. Das kann man nicht verhindern. Trotzdem ist es unsere Pflicht als Gesetzgeber, die Regeln für unser Land neu zu justieren.
FreieWelt.net: Eltern, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden haben, haben zumeist schon einen langen Leidensweg vieler enttäuschter Hoffnungen auf ein eigenes Kind zurückgelegt. Wie stehen Sie zu der Ansicht viele Unterstützer einer PID-Zulassung, daß die PID das Leiden dieser Eltern vermindern kann?
Andrea Nahles: International gibt es bislang noch keine Studie, die belegt, dass durch PID die Zahl der Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüche insgesamt gesenkt werden kann. Fehl- und Totgeburten können neben genetischen auch hormonelle oder organische Ursachen haben, denen durch die PID nicht abgeholfen werden kann. Zudem ist es bei vielen genetischen Störungen schwierig, die Überlebensfähigkeit eines Kindes bzw. seine Lebenserwartung exakt zu prognostizieren.
Viele Familien mit behinderten Kindern erhalten heute vom Staat und der Gesellschaft immer noch nicht die Unterstützung und Hilfe, die sie verdienen. Statt den Ausweg in einer Auswahl nach genetischen Qualitätsmerkmalen zu suchen, ist es unser Ziel, Menschen mit schweren Krankheiten und Behinderungen und ihren Angehörigen bestmöglich zu unterstützen und ein weitestgehend normales und gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. Hier ist noch viel zu tun. Es bedarf umfassender gesellschaftlicher Bemühungen im Bereich der Antidiskriminierung und Barrierefreiheit sowie angemessene Maßnahmen zur individuellen Unterstützung, um die Ziele der UN-Behindertenkonvention auch in Deutschland endlich umzusetzen.
Eine eben solche Unterstützung wollen wir auch den Paaren geben, die mehrfach Tot- oder Fehlgeburten erleiden müssen. Die Zulassung der PID ist in unseren Augen aus den o.g. Gründen allerdings keine Option, weil ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen die positiven weit überwiegen würden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führten Sven von Storch und Kerstin Schneider
Foto: Andrea Nahles (Quelle: www.andrea-nahles.de)
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Kommentare
6.06. 12:01
Michael Hermanns
Frau Nahles, bitte bleiben Sie bei Ihrem "Nein zu PID".
Bei allem was der Mensch in die Wege leitet, ist zunächst der "Gedanke es zu wollen" da. Auch wenn man beim Hausbau erst zwei Steine gesetzt hat, so weiß man, was daraus letztlich wird. Der Plan liegt vor und so wird es werden. Und das, mit allen Fehlern, die im Plan versteckt sind und die man beim Hausbau macht. Wenn beim Menschen also immer erst der Gedanke vor dem "es werde" da ist, warum sollte nicht auch beim "werdenden Menschen" (in diesem Fall) der Gedanke Gottes vorangestellt sein, die "Fehler nach unserem Ermessen", inbegriffen.
Wir sollten nicht das EGO, sondern das Leben fördern, auch wenn es gesundheitlich belastet sein könnte. Auch Behinderte und Kranke formen diese Gesellschaft in menschlicher und sozialer Hinsicht und sind unverzichtbar!
Soll das Leben nun nach unserem eingeschränkten Ermessen "optimiert" werden?
Wollen wir zukünftig darüber debattieren müssen, ob den Eltern behinderter Kinder nicht auch die finanziellen Unterstützungen gestrichen werden? Schließlich hätte man "das" ja verhindern können und nun wird die "Gesellschaft" unnötig "belastet". Wehe uns, wenn es soweit kommt und durch die PID werden hier m.E. die Türen geöffnet.
Schauen Sie sich den Lebensbericht von Nick Vujicic an, ein Mann, geboren ohnen Arme und Beine und nach heutigem Ermessen "nicht lebenswert". Er wäre nach der PID sicher ausselektiert worden und ist doch ein Beispiel an Energie und Lebensfreude pur.
Wie gut, das es ihn gibt!
Wenn Sie sich das angesehen haben, dann werden Sie sicher standhaft bleiben und weiterhin für ein Verbot der PID eintreten.
Der Eingriff in das Leben und die Selektion von "lebenswert" und "unlebenswert" liegt nicht in unserem Ermessen.
Das pflücken des Apfels vom Baum des Lebens war Adam auch untersagt und trotzdem konnte und tat er ihn pflücken. Gut war es deshalb trotzdem nicht.
Ihnen wünsche ich Gottes Segen für Ihre Entscheidung.
P.S. wir hatten zwei Totgeburten!
22.05. 8:28
Angela
Wäre interessant zu erfahren, ob sich Frau Nahles selbst auch gegen eine Fruchtwasseruntersuchung entschieden hat, da ja jedes Leben gleich viel wert ist.
21.05. 1:51
Hypatia
Ihr Dammbruch-Argument ist ein slippery-slope-Argument. Eine rhetorische Technik, mit der man sein Gegenüber von etwas überzeugen will, indem man behauptet, wenn man die kleine Kugel ins Rollen bringt, wird ein großer Schneeball daraus. Dass dem nicht so ist, eigen jedoch unsere Nachbarländer. Die Vertreter aus Frankreich, Großbritanien und den Niederlanden konnten das im Dezember 2010 vor dem Ethikrat gut rüber bringen.
Sie schreiben: „Außerdem stellt sich das Problem, dass immer mehr Embryonen erzeugt werden müssen, als eingepflanzt werden können. Was passiert mit den überzähligen Embryonen?“ – Die können eingefroren und beim nächsten Versuch verwendet werden. Kein Problem.
„ Ob eine solche Erbkrankheit tatsächlich im späteren Leben ausbricht, ist in vielen Fällen völlig offen.“ – Hier verallgemeinern Sie aber sehr. In vielen Fällen ist das nämlich nicht offen.
„Wenn etwas geht, dann wird es gemacht.“ – Sie werden es wissen, Frau Nahles. …
„Das lehrt uns die Geschichte der Menschheit.“ – Die Geschichte der Menschheit lehrt uns auch, dass das Christentum z.B. ungeeignet ist, um die Selbstbestimmungsrechte und das Leben von Menschen zu schützen. Sie hängen diesem trotzdem an.
„Fehl- und Totgeburten können neben genetischen auch hormonelle oder organische Ursachen haben“ – Für hormonelle und organische Ursachen brauchen wir ja auch nicht die PID.
„Eine eben solche Unterstützung wollen wir auch den Paaren geben, die mehrfach Tot- oder Fehlgeburten erleiden müssen.“ – Das, Frau Bundestagsabgeordnete, ist eine Verhöhnung der Betroffenen. Paaren mir mehrfach Tot- und Fehlgeburten kann man nicht mit Christianisierung helfen, sondern nur damit, dass sie auch mal ein lebend geborenes Kind im Arm halten dürfen.
21.05. 1:28
Beate Turner
Hier mutet man mal wieder selbstverständlich allen Menschen unserer Gesellschaft zu, nach christlichen Glaubensregeln zu leben. Wann endlich wacht die Politik auf und nimmt zur Kenntnis, dass in unserer Gesellschaft auch noch Menschen mit anderen Weltbildern leben. Menschen, die an keinen Gott glauben oder auch an andere Götter. Keine Religion lehnt die PID so hartnäckig ab, wie das Christentum bzw. die heutigen Kirchenvertreter.
Einer Frau, die vielleicht schon mehrere Fehlgeburten oder sogar Totgeburten erleiden musste, eine weitere Schwangerschaft auf Probe zuzumuten, das ist pervers, Frau Nahles!
Ihre Argumente sind erwartungsgemäß scheinheilig. Die Würde des Menschen – was ist mit der Würde der Frau? Und mit der Würde der kleinen Menschlein, die dann eben erst kurz vor ihrem Geburtstermin abgetrieben werden, da man erst dann ihre schwere Erbkrankheit feststellte? Zum Zeitpunkt der PID handelt es sich noch nicht um Menschen, sondern um Zellen, die sich nur darin von Haut- und Knochenzellen unterscheiden, da sie das Potential haben, zu einem Menschen erst noch zu werden.
Und mal ehrlich - die PID schafft doch nicht die Maßnahmen unserer Gesellschaft ab, behinderte Menschen zu unterstützen. PID-Befürworter sind für die Unterstützung behinderter Menschen. Mir scheint es jedoch so, dass Menschen mit Ihrer Redeweise oft an der Stelle, wo sie die behinderten Menschen für ihre Ablehnung der PID instrumentalisiert haben, das Interesse an diesen Menschen auch schon verlieren. Ich habe mehrere Berichte von behinderten Menschen gelesen oder gesehen, da waren auch einige für die PID.
Meine Freundin z.B., die mit ihrem Leiden von der Gesellschaft leider keine Unterstützung erfährt, ist auch eine Befürworterin der PID und wünscht sich, nicht gelebt zu haben. Sie bezeichnet das Leben als eine Zumutung. … Bei den vielen Christentumsfanatikern in unserer Regierung hört allerdings die Menschenwürde bei transsexuellen, homosexuellen und intersexuellen Menschen auf.
18.05. 14:00
elobkowicz
Vielen Dank Frau Nahles. Ich möchte Sie am Liebsten umarmen. Sie werden dem Wort "sozial" in der Bezeichnung Ihrer Partei gerecht. Ich wünsche mir noch viele Sozialdemokraten wie Sie. Allerdings bin ich Französin und vermisse derartige Ansichten bei den französischen Sozialisten, die somit für mich unwählbar sind.
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