17.03.2011
Mechthild Löhr ist Unternehmensberaterin und seit 2002 die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL). Im Interview mit FreieWelt.net sprach Löhr über die vielschichtigen Gründe für die steigende Kinderlosigkeit in Deutschland, die aktuelle Familienpolitik und die Möglichkeiten junge Familien ideell und materielle besser zu unterstützen.
FreieWelt.net: In der aktuellen Forsa-Studie „Warum kriegt ihr keine Kinder?“ geben über 80% der Befragten an, einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate in Deutschland sei die geringe Anerkennung der Familienarbeit. Warum bekommen die Deutschen nicht mehr Kinder? Mechthild Löhr: Wir sollten nicht den alten sozialistischen Denkfehler mitmachen und den Wert eines menschlichen Lebens vor allem nach Arbeit und Produktivität beurteilen. Wer die Auffassung vertritt, dass Frauen vor allem wegen Anerkennung ihrer Arbeit, wo auch immer, zuhause oder außer Haus, keine Kinder bekommen, hat sicher ein sehr monokausales und zugleich materialistisches Menschenbild. Das Erste, was dazu gehört, um Kinder nicht nur abstrakt zu wollen, sondern tatsächlich auch zu bekommen, ist und bleibt die besondere Liebe zu einem anderen Menschen. Dann kommt meist dazu die dauerhafte Perspektive oder das Versprechen eines gemeinsamen (Ehe-)Lebens, damit ein Kind wirklich willkommen ist. Mütter wünschen sich in der Regel vor der Geburt ihres Kindes gerade nicht, dass sie allein erziehend sind oder werden. Einen vernachlässigten, sehr kritischen Grund für die steigende Kinderlosigkeit sehe ich in der langen oder dauerhaften Singlezeit und Ehelosigkeit. Mutter und Vater zu werden, wünscht und erhofft man sich vor allem in einer dauerhaften, festen Bindung. Andernfalls sind junge Frauen oft von einem Kind überfordert und entscheiden sich dann sogar eher für Abtreibung, auch auf Drängen der Kindsväter hin. Heute werden nach wie vor Kinder, vor allem mehrere, in einer Ehe geboren. Wenn auch mit abnehmender Tendenz, wie dies vor allem in den neuen Bundesländern beobachtbar ist. Leider durchaus nachvollziehbar und logisch "kalkuliert", da insgesamt die Sozialleistungen für allein erziehende Mütter weitaus attraktiver sind als für junge, einkommensschwächere, aber verheiratete, Paare. Hier handelt es sich eindeutig um staatliche Fehlanreize! FreieWelt.net: Welche weiteren Gründe spielen Ihrer Meinung nach hierbei eine Rolle? Mechthild Löhr: Nach der von Ihnen erwähnten Forsa-Studie sollen zunehmend auch "egoistische Gründe" für den Verzicht auf Kinder eine Rolle spielen. So sind inzwischen viele mit einem Leben ohne Kinder ganz zufrieden, weil dann nur sie selbst und ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Eltern zu werden ist gewissermaßen für viele zu "stressig" geworden. Das Medien- und Selbstbild junger Frauen wird von Feministinnen und Kinderlosen dominiert. Vermittelt werden die hohen Freiheits-, Zeit - und die finanziellen Einschränkungen und leider entdecken sie dann nicht mehr, wie erfüllend, lebensbeglückend und sinngebend Kinder das eigene Leben machen. Das stark individualisierte Lebensgefühl, die Angst vor nachhaltigen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten und sonstigen sozialen "Rückschritten" im eigenen Lebensstil blockieren immer häufiger den Kinderwunsch. Zu den psychologischen und persönlichen Hürden, die ein junges Paar heute erst einmal überwinden muss, kommen extrem verstärkend die unbestreitbar hohen materiellen Belastungen hinzu, bevor es endlich "Mut" zum Kind fasst. FreieWelt.net: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Familienpolitik ein? Mechthild Löhr: Die Politik geht im Moment vor allem von einer irrenden Argumentation aus, die ich für einen sozialistisch geprägten Fehlschluss halte und die unsere Geburtenzahlen in den letzten Jahren zusätzlich tiefer und tiefer in den Keller geführt hat. Aktuellen, amtlich noch nicht bestätigten, Zahlen zufolge kamen im vergangenen Jahr nur rund 650.000 Kinder in Deutschland zur Welt, das ist der niedrigste Stand seit 1946. Quer durch alle Parteien besteht das neue Dogma, dass es vor allem (Erwerbs-)Arbeit ist, die das Leben sinnvoll und glücklich macht. Familie und Kinder werden damit nur zu einer Option, die am Rande steht, für die eben, die dieser "traditionellen" Lebensform noch etwas abgewinnen können. Politik und Medien vermitteln derzeitig unablässig, Frauen würden dann eher Ja zum Kind sagen, wenn sie es kurz nach der Geburt möglichst bald abgeben und schnell wieder arbeiten können. Aber stimmt das? War nicht schon die Geburtenquote in der DDR eine der niedrigsten der Welt, bei Vollzeitbetreuung der Kinder durch den Staat? Bekommen Frauen Kinder, um sie schnell an Dritte abzugeben und möglichst umgehend wieder in Vollzeit arbeiten zu können? Wollen sie höchstens am Wochenende mal intensiver für sie Zeit haben? Wirken meist permanent zeitlich gestresste und überforderte Mütter, vor allem wenn sie zwei oder drei kleinere Kinder haben, vorbildlich für den eigenen Kinderwunsch? Offen gesagt, wird dies zwar in den Medien und bei Frauenkonferenzen mantra-artig wiederholt, doch scheint es mir leider nach Jahrzehnten Berufserfahrung realitätsfern.
11.07.2011, handelsblatt.com
Eurokrise: Italiens Regierung kann interne Risse kaum verbergen
11.07.2011, spiegel.de
Euro-Krise: Merkel drängt Italien zu Sparkurs
8.07.2011, tagesschau.de
Merkel stellt Urteil von Ratingagenturen in Frage
Kommentar schreiben
Kommentare
24.03. 18:59
Susanne
Es hat eine Werteverschiebung stattgefunden. Darin liegt eine der tieferen Ursache für steigende Kinderlosigkeit. Dies kann mit nicht wettmachen, indem man bessere materielle Unterstützung schafft. Die Kinderlosigkeit ist bekanntlich gerade bei Frauen besonders groß, die beruflich und materiell gut gestellt sind, den Akademikerinnen.
Seiten: 1