5.05.2010
Wussten Sie mit acht Jahren, wie man ein Kondom benutzt? Nein? Sie Glücklicher. Noch in der guten alten Zeit groß geworden, als noch nicht alles tot geredet war, bevor es das erste Mal passiert war? Inzwischen mutet man in Deutschland Grundschülern zu, sich über verschiedene Verhütungsmethoden zu informieren. Zwischen Barbiepuppen, HotWheels-Autos und Fußballtauschkarten besteht offenbar dringender Handlungsbedarf, Grundschüler über verschiedene Sexualpraktiken zu informieren. Quasi als staatlicher Bildungsauftrag. Wieso eigentlich?
Für manche ist es wie ein Erweckungsruf. Sex! Wow! Eine Mutter aus der Klasse meiner Tochter berichtet mir flüsternd beim Elternabend von ihrem Sohn, der kein anderes Thema mehr kennt, seit in der Grundschule, vierte Klasse, Sexualkunde auf dem Lehrplan steht. Da werden plötzlich Fragen gestellt, die einem Schamesröte ins Gesicht schießen lässt und Fragen, die so manche Eltern überfordern – Was aber wesentlich ist: Fragen, die es vorher nicht gab. Ein Thema, das den Kids vorher noch gar nicht in den Sinn kam und: Das war auch gut so. Ich habe vier Kinder, ein Kind ist schon durch den Sexualkundeunterricht, der Nächste steht kommendes Schuljahr an und auf der katholischen Grundschule, die unsere Kinder besuchen, nähert man sich dem Thema durchaus vorsichtig und sanft. Dies ist aber nicht Standard und schon gar nicht einheitlich in den Schulen von NRW. Tatsächlich gibt es Richtlinien, aber keine klaren Vorgaben. Wenn man es genau nimmt, ist der gesetzliche Rahmen so weit gesteckt, dass es im Ermessen jedes einzelnen Lehrers steht – nicht einmal einheitlich für jede Schule – was und wie und mit welchem Lehrmaterial der Sexualkundeunterricht gestaltet wird. Sprich: Man muss halt Glück haben als Eltern oder es eben hinnehmen. Es gibt auch Eltern, die es nicht hinnehmen. Wie diejenigen aus Salzkotten, die das kürzlich mit mehrtägigen Haftstrafen büßen mussten – wohlgemerkt Mütter, die einfach nur selbst die Sexualerziehung ihrer 8- bis 9-jährigen Kinder übernehmen und dies nicht der Schule überlassen wollten. Verantwortungsvolle Mütter. Sie waren tatsächlich im Bau. Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit, fragt man sich? Würde ja gerne mal davon lesen, dass Eltern in Haft genommen werden, die ihre notorisch schulschwänzenden Kinder nicht in die Schule schicken. Oder von dem muslimischen Vater, der seine Tochter vom Schwimmunterricht fernhält. Hab ich aber noch nirgendwo gelesen. Ist ja auch noch nicht vorgekommen. Nur bei christlich motivierten Familien greift die volle Härte des Gesetzes durch. Wobei, darum geht es eigentlich nicht: Die Frage ist nicht, wollen wir noch mehr Eltern in Haft bringen, die Sinn und Unsinn von Unterrichtsinhalten in Frage stellen oder wollen wir den Elternwillen in Erziehungsfragen nicht endlich ernst nehmen. Warum muss ich dulden, dass mein Kind mit Themen konfrontiert wird, die ich nicht altersgerecht finde. Es geht ja nicht um Lesen, Schreiben oder Rechnen. Es geht um Sex, Intimität, Fortpflanzung – oder auch nicht, sprich Verhütung, oder gar Abtreibung. Sind das Themen für Grundschüler? Es ist manchmal nicht mal Thema für Erwachsene. Kommen wir zurück zum Elternabend. Die Lehrerin erzählt, wir haben jetzt Sexualkunde. Ein Vater fragt süffisant: Worüber sprechen sie denn mit den Kindern? Die Lehrerin: Über alles. Verklemmtes Lachen. Wollen Sie im Kreise der anderen Eltern über ihr tatsächliches, mögliches oder gewünschtes Sexualleben sprechen? Nein? Ich auch nicht. Warum sollen kleine Kinder dies also gerne tun? Oh ja, es gibt Kinder in dem Alter, die sich sehr intensiv mit Sex beschäftigen. Ich empfehle dazu jedem die Lektüre des Buches „Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“ geschrieben von dem „Arche“-Gründer Bernd Siggelkow aus Berlin. Ein drastisches Buch. Er schildert anhand von echten Fallbeispielen aus seinem Alltagsleben, wie Kinder sich benehmen, wenn sie zu früh mit dem Thema Sex in Berührung kommen. Wenn sie ihre Eltern, wenn es denn wenigstens die Eltern und nicht wechselnde Bekanntschaften von Mutter/Vater sind, zwangsweise mit ansehen müssen. Weil es den Eltern egal ist, ob und was die Kinder mitbekommen. Wenn nachmittags nicht Talkshows sondern Pornos als Rahmenprogramm im Fernsehen laufen. Da haben wir dann Siebenjährige, die versuchen, ihre Freundinnen auf dem Spielplatz zu bedrängen. Sie wissen nicht was sie tun, sie ahmen aber nach. Sie wissen nicht was es soll, aber irgendwie ist es interessant. Die Gretchenfrage ist also: Brauchen die Kinder Sexualkundeunterricht schon als Grundschüler, weil Handlungsbedarf da ist oder schaffen wir nicht selbst erst den Handlungsbedarf, indem wir eine zu frühe Sexualisierung der Kinder vorantreiben in unserer Gesellschaft, ihnen sexuelle Themen zumuten und uns dann entsprechend nicht wundern dürfen, wenn sie (zu) früh über Sex nachdenken oder es gar ausprobieren wollen. Huhn oder Ei, was war zuerst da? Irgendwie passt es ja schon in das allgemeine Konzept, Kinder nicht mehr als Kinder, sondern als „kleine Erwachsene“ zu behandeln. Man darf den großen Kontext durchaus nicht aus den Augen verlieren. Wenn auf UN-Ebene weltweit für die „Sexuellen Rechte von Kindern und Jugendlichen“ auch mit unseren Steuergeldern gekämpft wird. Bin nicht ganz sicher wem das nützt oder er sich was davon verspricht. Ich will nicht, dass mein Neunjähriger lernt, Kondome über Bananen zu ziehen. Er wäre mit dem Thema überfordert. Das sage ich als seine Mutter, weil ich ihn besser kenne, als seine Lehrer oder die Gralshüter im Schulministerium. Gerade das Alter um die acht-neun Jahre. Wenn Kinder erstmals ihre Schamgrenze entdecken. Wenn die Badezimmertür sich plötzlich schließt. Mädchen finden im Lebensraum meines Sohnes in Form von unvermeidlichen, dennoch liebgewonnen Schwestern statt und sonst nicht. Mädchen können nicht Fußball spielen und damit ist das Thema für meinen Neunjährigen abschließend behandelt. Warum zwingen wir ihn also, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihn noch nicht einmal ansatzweise interessieren? Er wird nicht aus Versehen eine Klassenkameradin schwängern, weil er kein Kondom benutzt hat. Er wird gar nicht erst mit ihr sprechen. Bis auf Bianca, die kann nämlich Fußball spielen. Also lasst ihn doch in Ruhe mit diesen Themen, bis – ja bis er eigenständig anfängt, sich dafür zu interessieren. Dann ja. Dann muss man mit ihm sprechen und selbst da stellt sich die Frage: Muss dies die Schule, oder sollten dies nicht besser die Eltern sein. Hier kommen wir leider auch zu einem Knackpunkt: Es gibt genug Eltern, die liebend gerne die Verantwortung für die Aufklärung ihrer Kinder an die Schule abgeben. Weil es ihnen peinlich ist, weil sie froh sind, dass sie es nicht selbst machen müssen. Dem muss man ins Auge sehen und deswegen ist es in Ordnung, wenn irgendwann auf der weiterführenden Schule darüber geredet wird. Es ist aber kein Argument dafür, alle Kinder mit Sexualkunde schon in der Grundschule zu beglücken. Und wenn Eltern der Meinung sind, dies sei für ihre Kinder noch zu früh, dann müssen sie das Recht haben, ihre Kinder davon frei zu stellen, ohne dafür in letzter Konsequenz im Gefängnis zu landen.
11.07.2011, handelsblatt.com
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Kommentare
13.04. 16:42
@Birgit Kelle
Das gibt einem schon zu denken, wenn ein evangelischer Pfarrer so sehr auf die Sexualität von Kindern fixiert ist, das er ein Buch darüber schreibt. Es stellt sich die berechtigte Frage, ob es sich hier um tatsächliche Fälle handelt oder ob nicht eher pädophiles Wunschdenken der Vater des Gedanken war. Die eigentliche Tragödie ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in kirchlichen Einrichtungen.
"Sexualtherapeuten weisen darauf hin, dass elterliche Sorgen, man könne einem Kind zu viel über Sex erzählen, fast immer unbegründet sind, da Kinder Dinge, die sie nicht verstehen, ohnehin ausfiltern. (...)
Über eines sind sich jedenfalls alle Sexualwissenschaftler einig: Wer mit seinem Kind erst dann über körperliche Vorgänge wie nächtliche Samenergüsse oder Regelblutung spricht, wenn das Kind diese Dinge bereits - meist ziemlich erschrocken - erlebt hat, handelt ebenso fahrlässig wie derjenige, der die Fragen eines kleinen Kindes zu seinem Körper und zur Sexualität kurzerhand mit Floskeln wie 'Das verstehst Du noch nicht' abtut." Dr. Jürgen Brater
26.11. 13:49
Rudi Gems
Schade, das Sie auf Ihren durchaus interessanten Beitrag, damals keinen einzigen Kommentar bekommen haben. Ich hoffe, das Sie bis heute, noch nicht aufgegeben haben, nachzusehen?
In vielen Punkten, gebe ich Ihnen Recht. Viele Dinge, die Sie aufgeführt haben, sind wirklich nicht kindheitsgerecht, und können durchaus Schaden bei Kindern anrichten.
Trotzdem, bin ich nicht Ihrer Meinung. Wenn Sie einen Sohn haben, der mit 9 Jahren, noch keine Fragen gestellt hat, bzw. kein Verhalten gezeigt hat, das eindeutig sexuell motiviert war, dann ist zwischen Ihnen beiden oder ihren anderen Söhnen, etwas schief gelaufen.
Alle gesunden Kinder, zeigen im Alter von ca. 6 bis 8 Jahren, ein verstärktes Interesse an Sexualität. Sie wollen wissen, wie Menschen nackt aussehen (insbesondere das andere Geschlecht) sie interessieren sich für Ausscheidungen (insbesondere Urin) einschließlich Flavus. Sie interessieren sich für Erektionen, Masturbation und Regelblutungen. Eben alles, womit sie direkt oder indirekt, in Sachen Sex, in Berührung kommen. Und wenn sie ein Kondom finden, bzw. die Überreste, oder Sexspielzeuge, dann interessieren Sie sich eben dafür auch. Und nur, wenn Erziehungsberechtigte, Kinder mit diesen Wünschen und Informationen, alleine lassen, oder gar vor den Kopf stoßen, dann passiert halt eben dass, was bei Ihnen passiert ist. Dann haben Sie eben das Gefühl, das Ihr Sohn, sich nur für Fußball interessiert.
Ich halte dagegen, einen Aufklärungsunterricht in der Grundschule, für unabdingbar. Gerade Kinder, die zu Hause vernachlässigt werden, brauchen eine Stelle, wo sie all die Fragen stellen können und dürfen, die sie interessieren, und wo man ihnen liebevoll, und wirklich unbefangen, alle Fragen hinreichend beantwortet, und wo man mit besonderen kindgerechten und qualitativen Film- und Bildmaterialien, den Kindern hilft.
Grüße, Rudi Gems
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